„Wie schön Tabubrüche doch sein können“- Mathias Bäumel

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Wie schön Tabubrüche doch sein können

Erik Satie exzellent: Dresdner Band „Sonore Wandbehänge“ mit CD und Konzert im Societätstheater

Dresden. Wie schön, wie lustvoll und wie notwendig können Tabubrüche doch sein! Und wie erholsam, wenn nicht zum zigsten Male das Übliche, sondern endlich auch mal das So-noch-nicht-Gehörte erklingt. Die Musik der jungen Dresdner Band „Sonore Wandbehänge“ mit deren kürzlich erschienenen CD „Jenen gewidmet, die uns nicht mögen“ ist ein solcher Fall.

Wer wegen des Bandnamens und des CD-Titels gewisse Vorahnungen hat, sieht sich schnell bestätigt: Die fünf Jungs spielen, wie es sich für musikalische „Pfadfinder“ gehört, Musik von Erik Satie. Und sie spielen, wie es sich für richtige Pfadfinder gehört, nicht die üblichen, fast modisch gewordenen „Hits“ Saties wie etwa die Gymnopédies oder die Gnossiennes, sondern kaum bekannte und viel seltener interpretierte Kompositionen wie Méditation, Idylle oder das groteske Celle Qui Parle Trop. Dass die fünf Musikanten – zuallererst „Pfadsucher“, erst dann „Pfadfinder“– die Stücke nicht so musizieren, wie sie für Klavier notiert überliefert sind, sondern sie zur Vorlage für Jazzimprovisationen des gesamten Ensembles gestalten, machen CD und Konzerte zum besonderen Erlebnis. Was alles woraus entstehen kann – dies klingend zu zelebrieren, macht die Band zu einem Glücksfall der aktuellen Musikszene.

Gitarrist Leon Albert: „Von Anfang an wollten wir, angeregt durch unsere beiden Erik-Satie- Fans, dem Bassisten Sebastian Braun und dem Pianisten Marius Moritz, Musik von Satie spielen. Wir haben überlegt, welche Mitstreiter noch zu diesem Konzept passen könnte, um die Band zu komplettieren, und es war klar, dass wir uns nicht auf die ,ausgelutschten’ Satie-Stücke konzentrieren, sondern die selteneren interpretieren wollten.“ Schließlich gehe es um das Gegenteil von Beliebigkeit. „Natürlich spielte bei der Auswahl der Stücke auch eine Rolle, was sich als Startpunkt für Improvisationen gut eignen könnte.“ So seien gerade die auch im Original durchlaufenden melodisch-rhythmischen Muster beispielsweise von Méditation oder von Idylle mitentscheidend gewesen. Herausgekommen sind dann Interpretationen, die voller klanglicher Vielfalt und Wärme, aber auch angefüllt von gekonnten Soli sind.

„Sonore Wandbehänge“ – dies lässt sofort an Erik Saties Idee von einer, wie Elke Geyer schreibt, rein funktionalen Hintergrundmusik denken, die Satie selbst „Musique d’ameublement“ nannte. Satie als der Schöpfer des Konzeptes der sogenannten Klangtapete – der sonoren Wandbehänge. Satie gilt, weil sein frühes, zu Kult gewordenes Stück „Vexations“ nicht in das Dur-Moll-System passt, als Vorläufer der Zwölftontechnik Schönbergs, andererseits kann er auch als Urvater der Minimal Music gelten. Elke Geyer macht auf einen weiteren, besonders wichtigen Aspekt aufmerksam: „Anstoß gab Anfang 1920 ein Restaurantbesuch, bei dem Satie sich über unerträglich laute Tischmusik ärgerte und anschließend in einem Brief schrieb: ,Wir nun wollen eine Musik einführen, die die nützlichen Bedürfnisse befriedigt. Die Kunst gehört nicht zu diesen Bedürfnissen.’ Er erläuterte näher, dass diese Musik sich wie ein Möbelstück oder wie Beleuchtung und Heizung in das Raumklima einfügen und als bloßer Klangteppich hinter den Gesprächen zurückbleiben sollte.“ Klar, dass man bei diesen Worten an die viel spätere, sogenannte Ambient Music denken muss; die – beispielsweise – „Music for Airports“ Brian Enos lässt grüßen. Im März 1920 schuf Satie mit seiner so bezeichneten Möbelmusik „Sons industriels“ die Klangkulisse für eine Ausstellung der Pariser Galerie Barbazanges und damit die früheste bekannte Klanginstallation. Allerdings, so bemerkt Elke Geyer, „stellte der Komponist enttäuscht fest, dass die Besucher, die sich den in der Galerie präsentierten Kindergemälden widmen sollten, lieber der Musik aufmerksam zuhörten“.

Und hier setzen auch die „Sonoren Wandbehänge“ an. Denn obwohl ihr Held Satie zu einer Musik fand, die „weder ablenken noch sich aufdrängen soll“, schuf er Stücke von hohem künstlerischen Eigenwert und seltener Strahlkraft. Das, was die „Sonoren Wandbehänge“ daraus machen, überzeugt ebenfalls mit einem durchdachten, originellen Zugang, mit exzellenten Arrangements und mit herrlichen, diesseitigen Improvisationen. Die Band schafft wie traumwandlerisch eine Balance zwischen zwei Welten, die sonst nur manchmal verbunden sind: zwischen der Intonation vorgeschriebener, im Falle Saties skurril, witzig und reduziert wirkender Kompositionen und freieren, wilden, klangdurstigen Improvisationen, die wie reißfeste Fahnen im Sturm des klingenden Lebens flattern.

Und ein Weiteres ist zu den „Sonoren Wandbehängen“ anzufügen. Noch stehen die Musiker am Anfang des Wegs, schon fahren sie eine kulturelle Attacke gegen die Üblichkeiten, um nicht zu sagen: Übelkeiten des Musikgeschäfts – sie bieten ihr Werk „Jenen gewidmet, die uns nicht mögen“ tatsächlich als hochwertig ausgestattete CD, nicht bloß als Download, an. Bestes Grafikdesign, Cover im echten Buchdruck, Zeichnungen im Begleitheft unter Verwendung von Grafiken Erik Saties! Möglich wurde dieses exzellente CD-Produkt durch den gut dotierten Gewinn des eco-Preises der BASF 2014 im Ensemblewettbewerb der Hochschule für Musik Dresden. Wie schön, wie lustvoll und wie notwendig können Tabubrüche doch sein!

Am 17. Mai hat die Musikwelt den 150. Geburtstag Erik Saties gefeiert (siehe DNN). Passend dazu gibt es das Jubiläumskonzert mit der Band „Sonore Wandbehänge“ – und diesmal zusätzlich mit den beiden Tänzerinnen Benina Berger und Katharina Kramer – am 22. Mai, 20 Uhr, im Societätstheater Dresden. Karten zu 16 Euro und mit verschiedenen Ermäßigungen im Vorverkauf im Internet und bei den üblichen VVK.

VON MATHIAS BÄUMEL

Dresdner Neueste Nachrichten 19.05.2016